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Alfred Gislason im Portrait: Das ist der neue DHB-Nationaltrainer

Alfred Gislason erreichte in seiner Karriere als Handball-Vereinstrainer alles, was man erreichen kann. Auf Nationalmannschafts-Ebene ist der 60-Jährige hingegen noch unvollkommen. Der Deutsche Handball-Bund gibt dem Isländer nun die Chance, seiner Laufbahn die Krone aufzusetzen. Grund genug, euch den DHB-Nationaltrainer etwas genauer vorzustellen. 

Der 13. März 2020 hätte für Alfred Gislason ein ganz besonderer Tag sein sollen. Der 60-jährige Isländer stand vor seinem Debüt als Trainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Das in Magdeburg angesetzte Länderspiel gegen die Niederlande war als Generalprobe für das nahende Olympia-Qualifikationsturnier geplant.

Aber natürlich wurde auch der Handball-Sport hart von den Auswirkungen des Coronavirus erschüttert. Das Spiel gegen die Niederlande fiel deshalb ebenso ins Wasser wie die Olympischen Sommerspiele, die – wie bekannt wurde – erst im Sommer 2021 über die Bühne gehen werden.

Gislason muss sich hinsichtlich seiner Feuertaufe als DHB-Nationaltrainer also vorerst gedulden und sich mit „Home-Office“ begnügen. Doch wer ist eigentlich der Mann, der Christian Prokop an der Seitenlinie der deutschen Handball-Nationalmannschaft ablöste?

Nationaltrainer Alfred Gislason spielte für Essen

Gislason erblickte am 7. September 1959 in Akureyri, der viertgrößten Stadt Islands, das Licht der Welt. Als Handballer spielte der gelernte Historiker bis 1980 für seinen Heimatverein KA Akureyri, ehe Gislason innerhalb Islands für drei Jahre zu KR Reykjavik wechselte.

Es folgte der Schritt nach Deutschland. Von 1983 bis 1988 war der linke Rückraumspieler für TuSEM Essen aktiv. Mit dem zweifachen Gewinn der deutschen Meisterschaft und einem Pokalsieg sammelte der frischgebackene deutsche Handball-Nationaltrainer dort auch die größten Erfolge seiner aktiven Karriere.

Nach fünf Jahren verließ Gislason Deutschland wieder. Er sollte allerdings zurückkehren und seine Spuren hinterlassen. Vorher zog es den dreifachen Familienvater (zwei Söhne, eine Tochter) allerdings noch nach Spanien zu Bidasoa Irun, ehe es Nationaltrainer Alfred Gislason zurück zu seinen Wurzeln verschlug und er seine Karriere bei Heimatverein KA Akureyri ausklingen ließ.

Erwähnenswert: Gislason absolvierte für die isländische Handball-Nationalmannschaft 190 Länderspiele, in denen ihm 542 Tore gelangen.

Bei seinem Heimatverein Akureyri sammelte Gislason seine ersten Erfahrungen als Coach. Dort war der Isländer für sechs Jahre als Spielertrainer tätig. Gegen Ende seiner Ära holte er mit Akureyri einen isländischen Meistertitel. Zudem führte Gislason seinen Verein zu zwei nationalen Pokalsiegen.

Aufgrund der überaus positiven Referenzen und seiner Vergangenheit als Aktiver folgte der Lockruf aus seiner ehemaligen Wahlheimat Deutschland, wo Gislason später einen Legendenstatus erhalten sollte.

Doch zuvor musste der heutige DHB-Trainer noch eine Menge Lehrgeld bezahlen. Bei seiner ersten Trainer-Station in Deutschland musste Gislason mit der SG VfL/BHW Hameln in der Saison 1997/98 den Abstieg aus der Handball-Bundesliga hinnehmen.

Legendenstatus beim THW Kiel

Der Isländer heuerte bei Magdeburg an und sollte in seiner siebenjährigen Amtszeit eine deutlich erfolgreichere Ära prägen als bei seinem Vorgängerklub. Besonders das Jahr 2001 ging in die Magdeburger Vereinsgeschichte ein. In diesem Jahr holte Nationaltrainer Alfred Gislason mit seinem neuen Klub nicht nur die deutsche Meisterschaft, sondern auch den Superpokal und den EHF-Pokal.

Wenig überraschend wurde Gislason daraufhin in Deutschland zum Trainer des Jahres gewählt. Ein Jahr später folgte mit dem Gewinn der Champions League die vorzeitige Krönung.

2006 gingen Magdeburg und Gislason getrennte Wege. Der Isländer heuerte beim VfL Gummersbach an. Parallel dazu betreute der heute 60-Jährige die isländische Nationalmannschaft. Obwohl Gislason mit Gummersbach titellos blieb, kaufte der deutsche Spitzenverein THW Kiel den Isländer aus seinem Vertrag heraus.

Kosten, die sich für die „Zebras“ schnell rechnen sollten, denn es begann eine Ära, die ihresgleichen sucht. Gislason holte mit Kiel zwischen 2009 und 2016 sechs Mal die deutsche Meisterschaft, gewann sechs Mal den Pokal und vier Mal den deutschen Supercup.

Auch international ließ sich die Handschrift des Isländers deutlich erkennen: Zwei Mal durfte Gislason die Champions-League-Trophäe in die Höhe stemmen. Damit avancierte der Isländer zum ersten Trainer der Handballgeschichte, der diesen Wettbewerben mit zwei unterschiedlichen Vereinen gewann.

Die Ehre des Champions-League-Sieges wurde Gislason bekanntlich bereits im Jahr 2002 mit Ex-Klub Magdeburg zuteil.

Abschiedsspiel in Kiel mit großen Emotionen

Weniger schön sind Gislasons sportliche Erinnerungen an die abschließenden Jahre bei Kiel. In den letzten vier Saisons blieb ein Gewinn der deutschen Meisterschaft aus. Die Kieler mussten anderen Mannschaften den Vortritt lassen.

Die erfolgsverwöhnten Handballer erlitten einen Dämpfer nach dem anderen. Dennoch bröckelte der Glanz von Gislason nicht ab. Ganz im Gegenteil.

Nach seinem Rücktritt wurde ihm 2019 ein Abschiedsfest beschert, das zahlreiche Handball-Größen ebenso anlockte wie rund 10.000 Zuschauer. Kein Wunder, in Kiel mutierte Gislason schließlich zu einem der erfolgreichsten Trainer der Handball-Welt.

Als während der Corona-Krise viele TV-Stationen angesichts des fehlenden Live-Sports auf Archiv-Material zurückgriffen, entschied sich etwa der Online-Sportsender Sportdeutschland.TV für eine erneute Übertragung des Abschiedsspiels für Gislason. Auch diese Wahl zeigt den hohen Stellenwert, den der Isländer im deutschen Handballsport genießt.

Nach vielen Jahren in Kiel war der Akku leer, weshalb sich Gislason zu dieser Maßnahme durchrang. Von einem Karriereende als Trainer war aber nicht auszugehen. Gislason sah sich auch selbst keineswegs in der Handball-Pension. Er begriff die freie Zeit vielmehr als schöpferische Pause. Sein Wunsch, eine weitere Nationalmannschaft zu coachen, lebte weiter.

Der Handball-Sport rückte in den Hintergrund. Stattdessen zog sich Gislason in sein Haus in der Nähe von Magdeburg zurück, in dem er eigenen Aussagen zufolge ein paar Arbeiten erledigte, die in den letzten 15 Jahren aufgrund seiner Trainertätig zu kurz kamen. Nur ein halbes Jahr nach seinem Rücktritt keimte die Lust einer Rückkehr wieder auf.

Sein Wiedereinstieg sollte aber mit Bedacht gewählt werden, denn einige Angebote sagte Gislason auch ab. Er wartete auf die passende Anfrage – und dieser Wunsch sollte sich schon bald erfülle: Gislason und das DHB-Team, das könnte passen.

Neuer DHB-Trainer: Gislason folgt auf Prokop

Gislason soll dem Vernehmen nach auch mit Russland heftigst geflirtet haben. Am Ende entschied sich der Isländer aber für das Engagement in seiner langjährigen Wahlheimat.

2017 hatte der Deutsche Handballbund Christian Prokop zum Nationaltrainer bestellt – und das trotz fehlender internationaler Erfahrung. Lässt sich die Trainerarbeit an den nackten Ergebnissen ablesen, dann kann die Prokop-Ära als durchwachsen betrachtet werden.

Zwar wies Prokop eine hohe Siegquote auf, die Platzierungen bei den Endrunden ließen allerdings viel Luft nach oben. Das Höchste der Gefühle war Platz vier bei der Heim-WM 2019 als man im Spiel um Platz drei Frankreich unterlag.

Bei der Europameisterschaft 2020 spielte das DHB-Team eine schwache Vorrunde und hatte im Schlüsselspiel gegen Spanien keine Chance. Erst in der Hauptrunde zeigte Deutschland wieder das schönere Handball-Gesicht. Zu spät für eine erfolgreiche Europameisterschaft. Und auch zu spät für Prokop.

Nationaltrainer Alfred Gislason ist als Gegenentwurf zu Prokop zu betrachten. Denn jene Lobby, die seinem Vorgänger fehlte, findet Gislason zweifellos vor.

Dass die Wahl auf ihn fiel, ist deshalb durchaus nachvollziehbar, zumal einige Argumente für Gislason sprechen. Er kennt die Handball-Bundesliga aufgrund seiner vielen und langjährigen Stationen wie seine Westentasche.

Er ist der deutschen Sprache mächtig. Und er besitzt den Hunger, auf Nationalmannschafts-Ebene noch etwas zu erreichen, um seiner glorreichen Karriere die Krone aufzusetzen. Zudem wirkt Gislason nach seiner halbjährigen Pause ausgeruht und voller Tatendrang.

Längere Vorbereitung für Olympia

Gislason war zu Beginn seiner Trainer-Laufbahn bekannt für seine emotionalen Ausbrüche in der Kabine. Nach Niederlagen wollte man nicht in der Haut seiner Spieler stecken. Der unbändige Ehrgeiz ging mit Gislason so manches Mal durch.

Aber in den vergangenen Jahren schien es, als hätte sich der Isländer ein wenig beruhigt. Und auch diese Wesensveränderung stimmt positiv, wenn es um die Zukunft der deutschen Handball-Nationalmanschaft geht. Denn das DHB-Team vertraut nun auch auf einen Trainer, der sich weiterentwickelt hat, aber noch nicht aus der Zeit gefallen scheint.

Was außerdem noch ein entscheidendes Upgrade zu Prokop sein könnte: Gislason genießt aufgrund seiner ruhmreichen Vergangenheit die volle Akzeptanz von Spielern, Fans und Medien, weshalb so schnell keine Trainer-Diskussion aufkeimen dürfte.

Aufgrund der Corona-Krise erscheint es derzeit ungewiss, wann der Sport wieder den Betrieb aufnehmen kann. Vielleicht ist genau das aber auch eine Chance.

Spannendes Handball-Jahr 2021

Ernst wird es aber auch schon während dieser längeren Vorbereitung auf Olympia. Deutschland muss sich nämlich noch für die Weltmeisterschaft 2021 in Ägypten qualifizieren. In den WM-Playoffs trifft Deutschland in einem Hin- und Rückspiel auf die Ukraine. Der Sieger ist bei der Endrunde mit von der Partie.

Auf Grund der Corona-Krise ist die Feuertaufe von Gislason also aufgehoben – aber nicht aufgeschoben. Und auch der gelernte Historiker weiß: Von der Vergangenheit kann er sich wenig kaufen, im Leistungssport zählen die Ergebnisse der Gegenwart.

Aufgrund seiner Vita ist es dem Isländer aber durchaus zuzutrauen, auch auf Nationalmannschafts-Ebene nennenswerte Erfolge einzufahren und das DHB-Team bei Großereignissen wieder in die Spur zu bringen.

Was hältst du von Alfred Gislason als neuen DHB-Nationaltrainer? Schreib uns in den Kommentaren deine Meinung zur aktuellen Situation des DHB-Teams.

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